Zum Inhalt
MeditationOst · West
Zwei Bildhälften: links eine aufgehende Sonne über Wellen, rechts ein Spitzbogenfenster im Abendlicht, dazwischen eine goldene Linie
Unabhängige Informationsseite

Meditation in Ost und West

Zazen und Herzensgebet, Einsichtsmeditation und Meister Eckhart, Yoga und der anthroposophische Schulungsweg: Wir stellen die großen Meditationswege Asiens und Europas nebeneinander und zeigen, wo sie sich berühren und wo sie sich deutlich unterscheiden.

Eine Übung, zwei Herkünfte

Wer heute in Deutschland „Meditation“ hört, denkt meist an eine Person im Schneidersitz, die Augen halb geschlossen, den Atem beobachtend. Das Bild stammt überwiegend aus buddhistischen und yogischen Traditionen, die seit dem 19. Jahrhundert und verstärkt seit den 1960er-Jahren nach Europa und Amerika gekommen sind. Dass Europa selbst eine lange Geschichte der Versenkung hat, ist dabei fast in Vergessenheit geraten. Dazu gehören die Wüstenväter, das Jesusgebet der Ostkirche, die Mystik von Meister Eckhart bis Teresa von Ávila und im 20. Jahrhundert der meditative Schulungsweg Rudolf Steiners.

Diese Seite nimmt beide Herkünfte ernst. Sie will keine davon zur besseren erklären und sie auch nicht zu einem Einheitsbrei vermischen. Die Unterschiede sind zum Teil grundsätzlich. Die buddhistische Lehre vom Nicht-Selbst (anattā) sieht im Ich eine Täuschung, die durchschaut werden soll. Die christliche Mystik sucht die Begegnung einer Seele mit Gott. Die anthroposophische Meditation versteht sich als Weg, auf dem ein „höheres Ich“ wach werden soll. Eine Übung, die äußerlich gleich aussieht, kann in diesen Zusammenhängen etwas ganz anderes bedeuten.

Zugleich gibt es erstaunliche Nähe. Die Wiederholung eines kurzen Gebetswortes im Rhythmus des Atems kennen tibetische Mönche ebenso wie Mönche vom Berg Athos. Das stille Sitzen ohne Gegenstand heißt im Zen shikantaza, und in der christlichen Kontemplation spricht man vom Gebet der Ruhe. Die Mahnung, Übung und Lebensführung nicht zu trennen, findet sich im Achtfachen Pfad ebenso wie in Steiners sogenannten Nebenübungen.

Östliche Wege

  1. Buddhistische Meditation: Ruhe und Einsicht

    Samatha, Vipassana, die vier Grundlagen der Achtsamkeit und liebende Güte – das Gerüst fast aller buddhistischen Schulen.

  2. Zen: Sitzen, sonst nichts

    Vom chinesischen Chan nach Japan: Zazen, Kōan, das Gehen im Kinhin und die Haltung des „Nur-Sitzens“.

  3. Tibetische Meditation: Bild, Klang und Mitgefühl

    Visualisierung, Mantra, Tonglen und die „Schau des Geistes“: warum der tibetische Buddhismus mit Bildern und Klang arbeitet.

  4. Kundalini-Meditation: zwischen Tantra und Tanzfläche

    Die „Schlangenkraft“ in tantrischen Texten, moderne Kundalini-Techniken und warum Vorsicht angebracht ist.

  5. Yoga Nidra: wach bleiben im Liegen

    Die geführte Tiefenentspannung im Liegen: sieben Phasen, der Sankalpa und was die Forschung dazu sagt.

  6. Lotussitz und andere Arten, still zu sitzen

    Padmasana, halber Lotus, burmesischer Sitz, Fersensitz und Stuhl: welche Haltung wofür taugt und wie man die Knie schont.

Westliche Wege

  1. Christliche Mystik: Kontemplation im Abendland

    Wüstenväter, Lectio divina, die „Wolke des Nichtwissens“, Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz: das vergessene Meditationserbe Europas.

  2. Meister Eckhart: Gelassenheit und Abgeschiedenheit

    Der Dominikaner aus Thüringen, sein Inquisitionsverfahren und seine Lehre vom Lassen, die Zen-Lehrer bis heute fasziniert.

  3. Das Herzensgebet: Atem und Name

    Hesychasmus, Philokalie und der russische Pilger: das Jesusgebet als christliche Meditation im Rhythmus des Atems.

  4. Anthroposophische Meditation: der Schulungsweg Rudolf Steiners

    Konzentrationsübung, sechs Nebenübungen, Rückschau und Spruchmeditation: der meditative Weg der Anthroposophie und seine Kritik.

  5. Achtsamkeit und MBSR: Meditation ohne Religion?

    Das Acht-Wochen-Programm aus Massachusetts, sein buddhistischer Hintergrund, was Studien belegen und was Kritiker einwenden.

Brücken: Fragen, die beide Seiten betreffen

Die spannendsten Fragen stellen sich dort, wo die Traditionen einander begegnen. Was geschieht mit dem Ich, wenn man meditiert? Soll das Denken zur Ruhe kommen oder gerade wacher werden? Und wie hängt stille Übung mit dem Handeln im Alltag zusammen?

Meditation im Alltag

Die meisten Menschen suchen in der Meditation zunächst keinen spirituellen Weg. Sie wollen besser schlafen, weniger grübeln, Schmerzen gelassener tragen oder sich länger konzentrieren können. Das ist ein guter Anfang. Die folgenden Beiträge sind praktisch angelegt. Sie sagen aber auch, was die Forschung tatsächlich belegt und was nicht.

Yoga: Körper, Atem und Stille

Im Yogasutra des Patanjali ist Meditation (dhyāna) das siebte von acht Gliedern. Die Körperhaltungen, die im Westen fast gleichbedeutend mit Yoga geworden sind, sollen dort vor allem eines ermöglichen: stabil und entspannt zu sitzen. Unsere Yoga-Beiträge schlagen die Brücke zwischen Matte und Meditationskissen.

Häufige Fragen

Ist Meditation eine religiöse Praxis?

Sie kann es sein, muss es aber nicht. In Buddhismus, Hinduismus, Christentum und Anthroposophie ist Meditation in ein Welt- und Menschenbild eingebettet und hat ein religiöses oder spirituelles Ziel. Säkulare Programme wie MBSR lösen einzelne Übungen aus diesem Rahmen und begründen sie mit Gesundheit und Wohlbefinden. Beides ist legitim, man sollte nur wissen, worauf man sich einlässt.

Welche Richtung passt zu mir?

Das lässt sich selten am Schreibtisch entscheiden. Wer über den Körper leichter zur Ruhe kommt, findet oft über Atem-, Sitz- oder Yogaübungen einen Zugang. Wer eher über Sprache und Gedanken arbeitet, fühlt sich vielleicht bei Gebet, Mantra oder einem Meditationsspruch wohler. Probieren Sie zwei, drei Formen einige Wochen lang aus, bevor Sie urteilen.

Wie lange sollte man am Anfang meditieren?

Kürzer, als man denkt. Zehn Minuten täglich sind mehr wert als eine Stunde am Sonntag. Wichtiger als die Dauer ist die Regelmäßigkeit: derselbe Ort, eine ähnliche Uhrzeit, ein klarer Anfang und ein klares Ende.

Kann Meditation schaden?

Für die meisten Menschen ist maßvolle Übung unbedenklich. Bei intensiver Praxis, etwa auf langen Schweige-Retreats, berichten manche von Angst, Unruhe oder dem Wiederaufleben belastender Erinnerungen. Wer psychisch erkrankt ist, sollte intensive Formen mit Fachleuten absprechen und eine Lehrerin oder einen Lehrer mit Erfahrung suchen.

Wie Sie diese Seite nutzen können

Wer neu anfängt, liest am besten zuerst den Leitfaden für Anfänger und den Grundlagenbeitrag Was ist Meditation?. Wer schon übt und über den Tellerrand der eigenen Tradition schauen möchte, beginnt mit Ich und Nicht-Ich oder mit dem Vergleich zwischen Zen und dem Herzensgebet. Die Übersicht listet alle Beiträge, und unter Quellen und Links finden Sie Nachschlagewerke zum Weiterlesen.

Diese Seite ist unabhängig. Sie gehört zu keiner Schule, keinem Orden und keinem Verband, und sie verkauft weder Kurse noch Retreats. Mehr dazu steht auf der Seite Über diese Seite.